Archive for April 2009

29/04/09 Soest

30. April 2009

Schiefer Turm Soest

Schiefer Turm Soest

„Irgendwie ist das doch alles schief bei Calvin: Seine so fortschrittliche Theologie passt gar nicht mit seinem manchmal mittelalterlichen Handeln zusammen!“ Diese Beobachtung machen einige, die sich mit Leben und Wirken des Genfer Reformators befassen. „Schief ist schön!“ würden die Soester Reformierten dieser Auffassung entgegenhalten, aus gutem Grund: Ihr schiefer Kirchturm hat die Thomae-Kirche zu einer der bekanntesten Deutschlands gemacht. Eine weitere Lehre verbirgt sich hinter dem Bauwerk, und die lautet: Schief sein kann gewollt sein. Denn anders als der ungewollt in Schieflage geratene Turm von Pisa ist der Soester Kirchturm von seinen Baumeistern absichtlich schief gebaut worden, um dem stürmischen Wind Westfalens (und vielleicht der umliegenden katholischen Hochburgen?) trotzen zu können. Das schiefe Dach ist also von einer stabilen und geraden Innenkonstruktion getragen. Insofern verkündet die reformierte Kirche von Soest ununterbrochen und ohne Worte eine tiefe Weisheit: Misstraut dem ersten Eindruck!Was außen schief ist kann innen gerade sein!

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28/04/09 Dahle (Altena)

28. April 2009

Kirche Dahle

Kirche Dahle

„Dahlem?“ „Nein, Dahle!“ Den kleinen Ort im Sauerland kennen nur wenige. 23 Schnellbus-Minuten von Altena (nein, nicht Altona!) entfernt, die Straße führt an unzähligen Drahtfabriken vorbei. Graue Häuser, grüne Wälder, leere Läden. Die Dahler reformierte Kirche und das daneben stehende Pfarrhaus ein romantisches Kleinod inmitten sauerländischer Tristesse. Draußen ein Calvin-Banner, drinnen freundliche Zuhörerinnen und Zuhörer… und Bistrotische für den Klönschnack nach dem Vortrag. Bunte Glockennudeln und Dahler Honig gibt’s hinterher für den Vortrag. Calvin sei Dank!

27/04/09 Lüdenscheid

28. April 2009

Erlöserkirche Lüdenscheid

Erlöserkirche Lüdenscheid

Rathaus Lüdenscheid

Rathaus Lüdenscheid

Gott und Teufel, Heil und Verdammnis, Götzendienst und wahrer Glaube:  In Calvins Werk wimmelt es von Gegensatzpaaren. Hätte Calvin eine Stadt entworfen, sähe sie vermutlich wie Lüdenscheid aus: Auf einem kleinen Hügel schmiegen sich Häuschen romantisch um eine Kirche, ringförmig legen sich Gassen um den Kirchplatz, in denen man sich unwillkürlich in frühere Zeiten entrückt fühlt. Nur wenige hundert Meter entfernt eine Einkaufsstraße, die zu sämtlichen Bausünden führt, zu denen Architekten und Stadtplaner seit den siebziger Jahren fähig waren und sind. Und als I-Tüpfelchen noch eine jener 08/15-Einkaufspassagen mit den üblichen Langweiler-Läden von H&M bis C&A, Subway bis Saturn. Am Ende eines Ganges, vorbei am Original-Chevy von Elvis Presley, eine Thalia-Buchhandlung. Immerhin, ein eigener Standort für „Religion und Philosophie“. Zwei Regale, auf dem einen steht „Luther“ und „Papst“, darunter „Anselm Grün“. Es gibt viel zu tun. Aber wo ist Trost? Chez Calvin, naturellement: „Wenn wir nichts ertragen können, was uns nicht behagt, so müsste jeder eine Welt für sich haben.“

25/04/09 Hagen

26. April 2009

müssen müssenDiesen Spruch hätten die Calvin-Gegner auch plakatieren können: „Weniger müssen müssen!“ „Aber was macht Ihr dann, wenn Ihr nicht mehr müssen müsst und mehr dürft, mit Eurer Freiheit?“, höre ich den übereifrigen Reformator zurückfragen. Ein interessantes Gespräch hätte sich womöglich entsponnen über die Fallen der Freiheit und die zweischneidige Notwendigkeit von Zucht. Vor der Tür der ICE-Toilette, wo dieses Plakat zielgenau für Prostata-Stärkungsmittelchen wirbt, sind solche Gespräche freilich selten möglich. „Weniger müssen müssen“: Vielleicht haben manche Hagener die Einladung zum Calvin-Vortrag als Zwang missverstanden und sind deshalb nicht gekommen?!? Und das, obwohl die Buchhandlung „Lesen und Hören“ mit so viel liebevollem Enthusiasmus die Lesung vorbereitet hat…

24/04/09 Hohenlimburg

24. April 2009

John Knox

John(ny) Knox(ville)

Allerorten Spuren Calvins. Sogar im Bahnhof Hohenlimburg. Ich traue meinen Augen kaum: In der Unterführung ein Graffitti des Calvin-Schülers John Knox, der die reformierte Lehre aus Genf nach Schottland brachte…  In der reformierten  Kirche Hohenlimburg eine zweite Überraschung: Die Decke des Kirchenschiffes sieht barock aus, sogar einige Putten lugen hinter den Wolken hervor. Um so besser wirkt mein persönliches Lieblingszitat Calvins: „Singen ist eine Andacht, mit der man sich der Gemeinschaft der Engel anschließt…“

23/04/09 Alpen

23. April 2009

Kurfürstin AmaliaIn Bronze gegossen steht Kurfürstin Amalia von der Pfalz vor der evangelischen Kirche von Alpen (bei Moers). Die Adlige, Frau Friedrichs des Frommen, legte in ihrem letzten Lebensjahr (1602) den Grundstein für den ersten  reformierten Kirchenbau Deutschlands.  Seitdem ist viel Wasser den Rhein heruntergeflossen und viel Wissen  versiegt. Zum Beispiel über Calvin. Denn als die Kirchengemeinde zum Geburtstag des Reformators Banner an die Fassade hängten (im Hintergrund zu sehen), fragten tatsächlich einige, ob denn die Kirche jetzt Werbung für Calvin Klein mache. Was wiederum zum modischen Outfit der bronzenen Kurfüstin gepasst hätte.

22/04/09 Gronau

22. April 2009

„War das nun schon alles, was für mich vorgesehen war?“ Jeder stramme Calvinist könnte sich diese Frage stellen. Schließlich habe Gott vor aller Zeit einen Plan für jeden Menschen geschmiedet, da erscheint die Frage naheliegend: „Lebe ich so, wie dieser Plan mich leben lassen will?“
Der Satz stammt aber mitnichten von einem Calvinisten, sondern von Udo Lindenberg. In einer wunderschönen Ballade aus den 70er Jahren erzählt der weichherzige Rocker von einer Frau – „sie ist vierzig“ –, die sich angesichts eines öden, lieblosen Familienalltags aus ihrer Wirklichkeit wegträumt. Beim Staubsaugen im Zimmer ihrer Tochter „sieht sie ein Plakat von James Dean“, sie „versinkt in seinen Augen, sie ist jenseits von Eden, mit zitternden Knien“ – und dann stellt sie sich diese Frage: „War das nun schon alles, was für mich

Udo Lindenberg

Foto: Michael Lucan

vorgesehen war?“ Vielleicht führt diese Textexegese zu dem bahnbrechenden Forschungsergebnis: Udo Lindenberg ist ein verkappter Calvinist?!? Ein weiteres Indiz legt diese Deutung nahe: Er ist in Gronau aufgewachsen, mitten im einst reformierten Gebiet nahe der holländischen Grenze also. Und wer weiß, vielleicht wollte er statt „James Dean“ „Calvin“ singen, das hat ihm aber dann seine Co-Autorin Ulla Meinecke ausgeredet mit dem Hinweis: „Ach Udo – eine Frau versinkt doch nicht in Calvins Augen…. Was reimt sich noch auf ‚Knien‘ ? …. Ich hab‘s: James Dean!“ Und dann hat Udo L. zähneknirschend nachgegeben. Schade eigentlich. „Hinterm Horizont geht’s weiter“… wäre sonst womöglich ins reformierte Gesangbuch aufgenommen worden und Udo L. hätte am 10. Juli dem Reformator ein Geburtstagsständchen singen dürfen: „Calvin Cool“ statt Rudi Ratlos zum Beispiel, oder „Alles klar auf der Calvina Gloria“ oder so. Man darf sich ja wohl nochmal aus der Wirklichkeit wegträumen dürfen, oder?

Jedenfalls träumten sich am Abend im grandiosen Gemeindesaal der evangelischen Kirchengemeinde Gronau, nur einen (großen) Steinwurf vom Rock-n-Pop-Museum am Udo-Lindenberg-Platz entfernt, rund zwanzig Menschen mit mir in die Zeit Calvins.

21/04/09 Barntrup

22. April 2009

In reformierten Gemeinden sind alle gleich! Von diesem Vorurteil befreite mich mein Besuch in Barntrup. Der Ort liegt tief im Lippischen, in Bielefeld umsteigen in einen Bimmelbahn, die auf eingleisigen Schienenstrang gen Weser fährt, Endstation Lemgo. Von dort sind es noch 12 Kilometer ins 6000-Seelen-Städtchen in der Protestanten-Provinz. Die Kirche, romantisch oberhalb des Rathauses gelegen, wirkt auf den ersten Blick wenig reformiert. Auf der Empore gar ein Extra-Bereich für die Barntruper Schlossherren. Die Adligen saßen (und sitzen!) nicht nur abgetrennt vom Volk, sondern durften ihre Loge sogar über einen separaten Eingang von außen betreten. Und dann hieß es: „Mit blauem Blut sitzen Sie in der ersten Reihe.“

20/04/2009 Aachen

20. April 2009

Aachen, Frère Roger-Straße

Aachen, Frère Roger-Straße

Wie nah dürfen Reformierte dem Papst kommen? Calvin hätte Abstand gewahrt. Der reformierte Christ und Taizé-Gründer Frère Roger nicht: Er hat bei der Trauerfeier für Papst Johannes Paul II. von Kardinal Ratzinger die Eucharistie bekommen. Auch ecumenical incorrect, irgendwie. Jedenfalls hat die Stadt Aachen eine Straße nach dem vor vier Jahren ermordeten Frère Roger benannt. Und in eben jener Straße hat – neben anderen Einrichtungen der evangelischen Kirche – die Evangelische Stadtakademie ihr Zuhause. Die wiederum zum Calvin-Abend einlud und überrascht war, dass statt der 17 Angemeldeten rund 40 Aachenerinnen und Aachener Interesse am Leben Calvins hatten.

18/04/2009 Wildschönau

18. April 2009

Wow, der Kollege Roger Boyes, der traut sich was: Die derzeitige Mentalität von uns Deutschen konfessionell zu begründen, würde kein Hiesiger so ecumanical incorrect formulieren wie der Deutschland-Korrespondent der „Times“. Und dann noch eine Prise Calvin mit einzustreuen…. „Deutschland, die Heimat des Soziologen Max Weber, hat dessen protestantische Arbeitsethik längt zu Grabe getragen“, schreibt Boyes in seinem Buch „How to be a Kraut„, und weiter: „Ersetzt wurde sie durch die katholische Ethik des Faulenzens, die darin besteht, keinen noch so unbedeutenden Feiertag auszulassen.“ Das sitzt, Mr. Boyes. Mr. Calvin would be very amused… Und dass die Katholiken unser schönes Land zugrunde richten, trotz protestantischer Kanzlerin: Eine sehr originelle Sicht der Dinge, thanks a lot!