Archive for Mai 2009

21-23/05/09 Bremen

23. Mai 2009
Chez Calvin

"Bi Jehann" möt dat heeßen!

Auf plattdüütsch hätte Calvin „Jehann“ gehießen. Dass die reformierte Kirche ihr Kirchentags-Café in französischer Weise benannt hat ist aber auch der einzige Nörgelgrund. Denn im „Reformierten Zentrum“ des Kirchentages, am Europahafen und somit direkt an der Waterkant gelegen, wurde Calvin auf lebendige, ernsthafte, humorvolle und aktuelle Weise hinterfragt und dargestellt. So überzeugend, dass der Veranstaltungsraum – ein Lagerschuppen – fast immer bis auf den letzten Platz gefüllt war. Calvin ist trendy – und wie die Reformierten ihren Kirchenvater feiern, setzt Maßstäbe für die „Luther-Dekade„, die bis 2017 an den Ur-Reformatoren erinnern soll. Gäbe es für die Reformatoren so etwas wie ein „Polit-Barometer“, wäre Calvin dem Wittenberger immer näher auf den Fersen…

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19/05/09 Glasgow

20. Mai 2009
The Cottier, Glasgow

The Cottier, Glasgow

Wie würde Calvins schottischer Adlatus John Knox wohl seinem Genfer Meister erklären, dass in Schottland eine Kirche zum Restaurant und Bistro ausgebaut wurde? Nicht nur eine in Glasgow, sogar eine  weitere in Edinburgh, nahe Knox‘ Hauptwirkungsstätte St. Giles?!? Vielleicht so: „My dear Johnny, ist nicht der Wein auch ein Teil von Gottes guter Schöpfung? Warum sollten wir unsere Kirchen dann nicht einfach in finanziellen Wüstenzeiten an Wirte verkaufen, auf dass die Menschen Gott auch in Speis und Trank erkennen?“ Die freundliche deutschsprachige Kirchengemeinde in Glasgow wäre ihrem Reformator vermutlich zur Seite gesprungen. Dennoch: Ein seltsames Gefühl, in einer Kirche Kaffee zu trinken!

06/05/09 Bernau

6. Mai 2009

„Haben Sie schon mal Kirchenzucht ausgeübt?“ Eigentlich rechnete ich mit einem schnellen „Nein“, als ich der Pastor(inn)enschaft des Kirchenkreises Barnim diese Frage stellte. Doch nach kurzem Zögern meldete sich ein älterer Pastor und erzählte seine ganz persönliche Zucht-Geschichte: Er hatte die Gemeinde zum Abendmahl eingeladen; ein junger Mann stand vor ihm im Kreis, der so sehr mit seiner ebenfalls im Gottesdienst anwesenden Mutter zerstritten war, dass er nicht mal mehr mit ihr sprach. Eine große Unfriedensquelle also im Abendmahlskreis. Bevor der Pastor dem Mann das Brot reichte, fragte er ihn leise: „Wirst Du wieder mit Deiner Mutter sprechen?“ „Hätte der Mann ’nein‘ gesagt, hätte ich ihm nicht das Abendmahl gereicht“, erzählte der Pastor mit ruhiger, nachdenklicher Stimme. Ganz im Sinn Calvins…  Ob mein Abschiedserlebnis auch im Sinne Calvins ist, lässt sich schwer beantworten, denn vor 500 Jahren gab es bekanntlich noch keine Autos. „Wir beten immer vorm Losfahren“, sagte mir mein Fahrer, der mich zum Bahnhof bringen wollte, faltet die Hände und blickt nach unten. Erstaunt höre ich mir sein Gebet an. Danach startet er seinen Kleinbus und dankt Gott, dass er ihn vor einem Park-Knöllchen bwahrt habe. „Aber für alles sollte man Gott ja nicht zuständig erklären“, fügt er an. Wie wahr…

04/05/09 Berlin, Prenzlauer Berg

5. Mai 2009
Märkische Buchhandlung

Märkische Buchhandlung

Da gibt es einige kleine Buchhandlungen in Deutschland, die beharrlich die alte und ehrenwerte Tradition des konfessionellen Buchhandles hochhalten. Sie trotzen den Internet-Buchhändlern und suchen die Bücher, die sie Ihren Kunden anbieten, sorgfältig selbst aus.  Die Märkische Buchhandlung in der Schönhauser Allee141 gehört zu ihnen. Seit kurzem präsentiert sie ihre Auswahl in neu renovierten Räumen, auch Lesungen finden dort statt – zum Beispiel über Calvin. Im Anschluss geht mir ein Gesprächsbetrag eines Zuhörers nach: Calvin könne man zwar unterhaltsam darstellen, aber vielleicht würde man ihn auf diese Weise nur reinwaschen von seinem unmenschlichen Wesen, dass nur auf zwanghafter Zucht basiere und ganz und gar nicht freiheitsfördernd sei? Ob ich denn gerne in Genf zu Zeiten Calvins gelebt hätte? Hm. Eigentlich schon. Dann hätte ich mit ihm – wie nach der Lesung mit der Buchhändlerin, ihrem Mann und der Lesungsorganisatorin Constanze Grimm – beim Inder zusammensitzen und mit ihm einige Dinge besprechen können. Und dann hätte ich mich zum Pastor ernennen lassen und hätte Calvin als Mitglied der ehrwürdigen Genfer Pastorenschaft auch mal zurückpfeifen können, wenn sein Juristengeist Oberhand über  sein frommes „weiches Herz“ erlangen wollte. 😉

04/05/09 Berlin, Siemensstadt

5. Mai 2009
Christopherus-Kirche Berlin-Siemenstadt

Christopherus-Kirche Berlin-Siemenstadt

Nach Johannes Calvin sind nur sehr wenige Kirchen benannt – nach Werner Siemens hingegen ein ganzer Stadtteil Berlins.  Und mittendrin in den Wohnsiedlungen für die ehemaligen Siemensarbeiter ragt ein massiver Kirchenturm empor und zeigt, dass es Wichtigeres als Arbeit gibt. Die evangelische Kirchengemeinde lädt die Stadtteilbewohner regelmäßig zu Bildungsveranstaltungen ein. Auch die Senioren, die nach Erdbeerkuchen und Kaffee (aber alles in Maßen!) den Lebenslauf Calvins hören und sehen.