Archive for Mai 2010

29/05 Gott beim Grand Prix

30. Mai 2010
Lena

Lena

Au weia. Stell Dir vor, alle warten auf Lena – und ein Pfarrer kommt. Live aus der Osloer Grand-Prix-Halle. Das Wort zum Sonntag. Leider ein guter Sendeplatz: Über zehn Millionen Zuschauer werdens gesehen haben.  „Was für eine Chance“, werden sich die Kirchenverantwortlichen gesagt haben. Und dann sprach Pfarrer Stefan Claaß, redete sich um Kopf, Kreuz und Kragen. Dass Lena – und die anderen natürlich! – „himmlische Rückendeckung“ empfinden mögen, genauso wie wir Fernsehzuschauer, die wir vielleicht demnächst vor „entscheidenden Türen stehen“. Zum Beispiel vor einer Gesellenprüfung. War das peinlich. Kirche will was sagen – und versagt. Was aber gar nicht an dem bemühten Pfarrer Stefan Claaß lag. Die Aufgabe, die er zu meistern hatte, war keine Chance. Das Scheitern war vorprogrammiert. Aber das wird die Kirche nie lernen, obwohl es in der Bibel steht: Dass es neben den Zeiten des Redens auch Zeiten des Schweigens gibt. Statt dessen will sie etwas sagen, weiß aber nicht, was – und murkselt sich dann dermaßen durch geschenkte Minuten, dass es wie schlechte Comedy wirkt. So perfekt wie Ottos Wort-Zum-Sonntag-Persiflage schafft sies aber nie. Meine Grand-Prix-Party-Mitgucker jedenfalls brachen in schallendes Gelächter aus. Und ich? Hab mich fremdgeschämt für diese dumpf-nichtssagenden Worte. Und hab mich um so mehr darüber gefreut, dass das letzte von Lena übertragene Wort „Gott“ war – kurz bevor die Eurovisionsfanfare das Ende der Sendung einleitete. Das war das schönste Wort zum Sonntag. Nicht geplant, nicht abgelesen, nicht bedacht: einfach so, aus des Herzens Grunde. Noch ein Grund, Lena zu lieben. (Foto: wikipedia/Daniel Kruczinsky/flickr)

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23/05 Berlin, Pfingsten

23. Mai 2010

Pfingsten, mal anders – Melanchthon wäre dabei und würde spüren: Berlin ist Millionenstadt, aber kein Moloch, sondern eine von Geist und Leben sprühende Metropole. Heute ziehen rund 4500 Menschen unzähliger Nationen und Kulturen und Sprachen durch Kreuzberg, ein buntes Bild gelebter Multikulti-Ökumene. Ein mitreißender Karneval der Kulturen, aber ohne Helau! und Alaaf! oder rheinisch-katholische Kölsch-Feuchtgebiete. Und die postmoderne Antwort auf das Sprachwunder von vor 2000 Jahren, das in der Bibel (Apostelgeschichte 2) berichtet wird.

Martin Luther könnte beim Karneval der Kulturen die ritterliche Kultur Deutschlands repräsentieren. Viele Zuhörer wären ihm gewiss, sänge er – mit Melanchthon om Duett – wacker sein Pfingstlied: „Du heilige Brunst, süßer Trost, / nu hilf uns fröhlich und getrost / und stärk des Fleisches Blödigkeit, / daß wir hie ritterlich ringen, / durch Tod und Leben zu dir dringen.

18/05 München

18. Mai 2010

Der Ökumenische Kirchentag wirkt nach. Obwohl es nur ein kleines gemeinsames Abendmahl gab, ist das Thema doch bestimmend gewesen – bis dahin, dass selbst Schwester Jordana im zdf sowohl für ein gemeinsames Abendmahl als auch für die Abschaffung des Pflichtzölibats plädierte. Kirchengeschichtliche Umwälzungen kündigen sich an. Meine Prognose: Der Zölibat hält höchstens noch zwölf Jahre, das gemeinsame Abendmahl allerdings wird noch 30, 40 Jahre auf sich warten lassen.  Unser Buch „Katholisch? Evangelisch? Never!“, verfasst mit Kollege Georg Schwikart und erschienen im Pattloch-Verlag, hat zwar nicht so viele Menschen vor die Autorenbühne der Kirchentagsbuchhandlung gezogen wie vorher bei Margot Käßmann waren. Dennoch: Vielen hats gefallen. Dem txt-Kollegen und Weizsäcker-Biograf Andreas Schmid zum Beispiel, der gleich die Homepage seiner Agentur damit bestückte. Frauke & Lars, die ich leider nicht persönlich kenne, haben das Buch lobend in ihrem Blog erwähnt. Ebenso Christliche Studenten an der Uni Eichstätt, die ihrem Blogeintrag die schöne Überschrift gegeben haben: „Über inbrünstige Katholiken und furztrockene Protestanten.“

13/05 München

12. Mai 2010

Moderator auf dem Ökumenischen Kirchentag: eine besondere Ehre und Hrausforderung. Mir stellt sie sich heute Abend in der Messehalle B0. „Signaturen des Fundamentalismus“ lautet der Titel der Veranstaltung (ziemlich hanebüchen formuliert und Gottseidank nicht auf meinem Mist gewachsen). Sehr, sehr spannende Leute werde ich dort kennen lernen: Schriftsteller-Kollegin Claudia Schreiber, die einem engen freikirchlichen Elternhaus entkommen ist. (Aus ihrer Feder stammt das wundervolle Buch „Emmas Glück“, das mit Jördis Triebel und Jürgen Vogel verfilmt wurde.) Stephan Goertz, Professor für Moraltheologie in Saarbrücken; der Alt-68-er-Soziologe Wolfgang Eßbach, der eine sinnvolle Unterscheidung zwischen christlichem Fundamentalismus und Radikalismus erklärt; und Erich Geldbach, einer der profundesten Kenner der evangelischen Konfessionen. Gemeinsam werden wir dem Phänomen Fundamentalismus auf den Grund gehen. Musikalisch wird die Band „EcclesiJazz“ uns begleiten.

12/05 Wildschönau

12. Mai 2010

Dank Internet ist deutschlandradio kultur auch in der Tiroler Bergwelt zu hören.  Um Punkt 9.33 Uhr rezensierte dort Kollege Andreas Malessa das ökumenische Wendebuch „Katholisch? Evangelisch? Never!„, das ich mit Georg Schwikart geschrieben habe. Malessas Resumee: „Birnstein und Schwikart ist es gelungen, das Schwere leicht zu sagen und – unter Vorspiegelung unernster Satire – ganz ernsthafte Kirchen-, Dogmen- und Mentalitätsgeschichte zu vermitteln.“ Die ganze Rezension ist hier nachzulesen.

11/05 Ökumenischer Kirchentag

11. Mai 2010

Das Wetter soll durchsetzt werden die nächsten Tage, der bavarische Himmel bleibt bedeckt, wenn sich mehr als 100 000 evangelischen und katholischen Christen morgen in München zum Ökumenischen Kirchentag treffen. Nur vereinzelt soll die Sonne hervorkommen, einige Schauer sollen niedergehen. Keine lauen Frühlingsabende auf dem Marienplatz. Vielleicht eine angemessene klimatische Kulisse für die Zähigkeit, mit der die Kirchenoberen die Ökumene zerreden. Aber wer weiß, vielleicht gibts ja doch noch Überraschungen – ein heftiges Gewitter zum Beispiel. Melanchthon würde frohlocken im Himmel und dafür sorgen, dass danach beim gemeinsamen Abendmahl die Sonne scheint.

Übrigens: Wer immer noch nicht weiß, ob er evangelisch oder katholisch ist, kann es hier testen.

09/05 Melanchthon würde die Süddeutsche lesen!

9. Mai 2010

Ganz sicher: Spätestens von heute an hätte Melanchthon die Süddeutsche Zeitung gelesen.  Die klugen und weitsichtigen Kommentare zu den Missbrauchsskandalen hätten ihm imponiert, und in der Wochenendausgabe ganz besonders der Essay „Heilige Versteinerung“, in der Joachim Käppner die Geschichte des Zölibats schildert. Das darf eben nicht vergessen werden: Der Zölibat hat wenig mit Askese und viel mit kirchlicher Machtpolitik des Hochmittelalters zu tun. Mit Gewalt musste er gegen protestierende Priester durchgesetzt werden. „Fortan predigten Männer, die nicht wussten, wovon sie überhaupt sprachen, über Familie, Liebe und Leidenschaft… Frauen verschwanden aus dem Leben der Geistlichkeit, aus Partnerinnen wurden Objekte verbotenen Begehrens und verzweifelter Ablehnung.“ Was das mit der heutigen Diskussion zu tun hat? Folgendes: Weil der Zölibat als Waffe im Kampf zwischen Papst und Kaiser um das Abendland erfunden wurde, laufen der Kirche heute Tausende davon, die gute Geistliche wärden, aber nicht bereit sind, das neurotische Leben eines mittelalterlichen Bußpredigers zu führen; deshalb muss sich die katholische Kirche heute sehr berechtigte Fragen anhören, ob die Verwicklung kirchlichen Personals in die jüngsten Missbrauchsfälle nicht auch die Folge einer verqueren, ja buchstäblich mittelalterlichen Sexualmoral sei. “ Am Ende zitiert Käppner Luther, der den Zölibat als Werk „tyrannischer, verzweifelter Buben und Ursache allerlei erschrecklicher, greulicher Sünde“ bezeichnet.  Lesenswert!

08/05 Melanchthon & Mixa

8. Mai 2010
Mixa

Mixa

„…und raus bist Du!“ Leider fehlt meinem Bischofsquartett seit heute eine Karte: Mixa musste weg und ist weg. Nun muss das Domradio, Herausgeber des Bischofs-Quartetts, sein Versprechen einlösen und einen neue Karte nachliefern.

Aber eigentlich ist das alles ja bodenlos traurig und abgründig schrecklich. Da sitzt der alte Bischof em. in einem Schweizer Sanatorium und kann die Welt nicht verstehen – und sich selbst noch viel weniger.

Und wie gehts weiter? Das ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde hat Erhellendes dazu geschrieben:

„Man muss sich das Unfassbare des sexuellen Missbrauchs gerade durch Priester vor Augen führen, um die maßlose Enttäuschung bei den Gläubigen und das traumatische Verstörtsein bei den Opfern zu begreifen. Der katholische Priester handelt sakramental in persona Christi, wie es theologisch heißt, an seiner Statt. Von einer in dieser Weise als Gesandter des Herrn geweihten Person geht sexueller Missbrauch, schwerste Persönlichkeitsverletzung aus. Muss das nicht jedem, der in und mit der Kirche lebt, die Zornesröte ins Gesicht treiben? (…) Solche Einsicht bewirkt ein Abschiednehmen von gewissen Heiligkeitsvorstellungen in Bezug auf die Kirche, die als Kirche der Sünder doch allererst durch Gottes Barmherzigkeit geheiligt werden kann.“ (Süddeutsche Zeitung 29.4.2010, S.2)

Und was hätte Melanchthon zu alldem gesagt? Er hätte daran erinnert, dass er schon 1530 in der Augsburger Konfession Wegweisendes dazu gesagt hat, und zwar im 23. Artikel „Vom Ehestand der Priester“:  Darin spricht er von der „greulichen, schrecklichen Unruhe und Gewissensqual“, die viele pflichtgemäß zölibatär lebende Priester „bis an ihr Lebensende gehabt haben“. Und er zitiert die Bibel, den 1. Brief des Timotheus, in dem es heißt: „Ein Bischof soll unsträflich sein, Eines Weibes Mann.“

05/05 Melanchthon & Schorlemmer

5. Mai 2010

Publik-Forum 7/2010

Publik-Forum 7/2010

Einer der wenigen berühmten Protestanten wird fehlen, wenn in wenigen Tagen der Ökumenische Kirchentag in München beginnt. „Nicht mit mir!“ schimpft Friedrich Schorlemmer und bleibt in Wittenberg. Seine Argumente, nachzulesen in Publik-Forum, sind gut und nachvollziehbar: Der Kirchentag spiele den Kirchenfrieden nur vor. Der entscheidende und selbstverständliche Schritt des gemeinsamen Abendmahles bleibe offiziell verboten, die Kirchentagsregeln würden mehr gelten als die Gemeinschaft mit Christus.

Würde Melanchthon noch unter uns weilen, so würde er wahrscheinlich nicht seinem Nachfolger Gesellschaft leisten, sondern sich auf den Weg nach München machen. Würde unermüdlich und geduldig Gespräche mit Katholiken führen, würde ausloten, warum sie es denn immer noch so schlimm finden,  dass sie offiziell gemeinsam mit Evangelischen das Abendmahl feiern. Ich bin gespannt, was er nach seiner Rückkehr dem lutherisch standhaft en Schorlemmer berichten würde…

03/05 Nachrodt-Obstfelde

4. Mai 2010

„Luther wär was für die Boulevardzeitungen, Melanchthon für den FOCUS!“ Eine Lehrerin brachte den Unterschied zwischen Luther und Melanchthon auf den Punkt. Auch über anderes hätte sich Melanchthon an diesem Abend gefreut. Zum Beispiel darüber, dass die evangelische und römisch-katholische Kirchengemeinden gemeinsam einen Abend über ihn veranstaltet hatten. Und darüber, dass der Pfarrer und der Priester in trauter Eintracht nebeneinander saßen und lauschten…