Posts Tagged ‘Reformierte’

13/03/09 Schortens

13. März 2009

Ein triumphales Gefühl: Sollte es mir gelingen, einen Nachfahren Calvins der Verschwendungslust zu überführen? Der reformierte Pastor Manfred Schock holte mich vom Bummelzug-Bahnsteig in Sande ab, wir gingen zu den Parkplätzen und ich traute meinen Augen kaum:

Smart, reformiert

Smart, reformiert

Doch, wir steuerten genau auf ein knallgelbes Cabrio zu! Kein VW oder Opel, wie bei den meisten seiner Amtsbrüder, nein, ein ziemlich neuer Smart-Roadster. Ich ging in die Knie, um meine 189 cm in das niedrige Geschoss zu zwingen und ab ging‘s durch die friesischen Dörfer nach Schortens. Nur leider nahm mir der Pastor den Wind aus den Anklage-Segeln: Der Wagen verbraucht nur fünf Liter, ist also reichlich sparsam, mit 61 PS auch ein wahrlich nicht zu leistungsstarkes Gefährt. Außerdem stünde zuhause noch ein erdgasbetriebenes Hauptauto. Tja dann…. hätte vielleicht sogar der schöpfungsliebende Calvin seinem Amtsbruder Absolution erteilt.

Der Calvin-Abend in der Bonhoeffer-Kirche ist von der Ökumene vor Ort organisiert; es sind auch katholische Zuhörerinnen und Zuhörer da. Ob sie mit Calvins rüder Katholikenkritik umgehen können? Der Mann, der während des Vortrags die Kirche verließ, war der Priester, erfahre ich später. Aber er hatte sein frühzeitiges Aufbrechen schon vorher angekündigt: Er hatte einen anderen Termin.

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12/03/09 Loppersum

13. März 2009

Glockenturm Loppersum

Glockenturm Loppersum

Eines steht mal fest: Kein Vorurteil über Calvin kann so platt sein wie Ostfriesland. Kein Berg, nirgends. Nicht mal ein Hügel. Nur Bäume, Häuser, Kirchtürme und ab und zu ein Windrad. Emden, das „Genf des Nordens“, und dann weiter in die Provinz. In Loppersum scheint äußerlich die Zeit still gestanden zu sein: Der Glockenturm mit drei (!) Glocken ist 200 Jahre älter als Calvin.

Pastorin Marita Storré

Pastorin Marita Sporré

Das Gemeindehaus der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde hat Quartier in der ehemaligen Dorfschule bezogen. „Moin!“ Im Saal Ostfriesen-Kultur live: Die Tische sind mit blau-weißen Teetassen eingedeckt, Kluntjes gibt’s dazu, natürlich, und Gebäck. Sollte es gar stimmen, dass die kleinen Teetässchen eine Spätfolge des Calvinismus sind, nach dem Motto: „Bloß nicht zu viel von dem leckeren Getränk, es könnte ja in Genuss ausarten“? Die Kekse sind nicht selbstgemacht, aber ein Calvin-Plakat: Pastorin Marita Sporré hat es gebastelt, mit einer Papierklappe zum Umblättern: „Calvin 1509/2009“. Der Abend beginnt mit Teetrinken und endet mit einer Flasche „Auricher Presbytertropfen“ – „2005er Heuchelheimer Herrenpfad“. Reformiert = geheuchelt? Wie gesagt: Kein Vorurteil ist so platt… Und dann schiebt sich der Fast-Vollmond wunderschön aus den Wolken über dem dunklen Ostfriesland

11/03/09 Osnabrück

11. März 2009

Calvin mit allen Sinnen erfahrbar machen – wie das geht?!? Mit Überlegen wär ich nicht drauf gekommen, aber die Wirklichkeit in Osnabrücks Bergkirche hats mich gelehrt. Der Gemeindesaal, in dem der Vortrag stattfinden sollte, war schon eine Viertelstunde vor Beginn rappelvoll, und immer mehr Leute strömten – also hieß es: Umziehen in die ungeheizte Kirche. Gefühlte Temperatur: 3 Grad. Dick eingemummt in Winterjacken saßen die rund 120 Menschen dort und durchbibberten Calvins Leben. Eine Abendveranstaltung soll ja schließlich nicht (nur) Spaß machen, hätte der Reformator wahrscheinlich gesagt. Und: Früher bei uns gabs auch keine beheizten Kirchen! Was wiederum beweist: In Calvino Veritas!

10/03/09 Bremen

10. März 2009

Wow – so viele an Calvin Interessierte, der Gemeindesaal der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Blumenthal ist proppenvoll. Sollte das schon ein Zeichen der Nähe zu Ostfriesland sein? Im Foyer des Gemeindehauses die Calvin-Ausstellung, am Schwarzen Brett die PR-Plakate der Calvinjahr-Koordinierungsstelle, Calvin-Magazine liegen aus, sogar die beiden Calvin-Kinderbücher: volles Calvin-Programm.

09/03/09 ICE 630 München-Bremen

9. März 2009

chrismon 3/09„chrismon“ purzelt mir aus der Süddeutschen Zeitung auf den Tisch. Das letzte bundesweite publizistische Flaggschiff des Protestantismus bringt ein Interview mit dem Münchener Volkswirtschaftler Prof. Ludger Wößmann. Thema ist die These Max Webers, der Calvinismus habe über die Prädestinationslehre den Kapitalismus gefördert. Stimmt nur fast, meint Wößmann, der eigentliche Grund für den ökonomischen Vorsprung der Protestanten sei deren Bildungsarbeit. Reformierte gründeten Schulen, was wiederum die Alphabetisierungsraten der Protestanten gegenüber den Katholiken hochschnellen ließ – dumm gelaufen sozusagen.  Das sei auch der Grund, weswegen Protestanten heute einen höheren Bildungsgrad – und als dessen Folge einen durchschnittlich fünf Prozent höheren Verdienst haben.

Auch nett von den „chrismon“-Kollegen im Quiz die mögliche Antwort auf die Frage, welche Reformatoren gingen Luther und Zwingli voraus: „Sissi und Franzerl“. Wie war das doch gleich mit der höheren Bildung der Protestanten?

03/03/09 Rengsdorf

3. März 2009

Rengsdorf. Eine kleine Stadt nördlich von Koblenz. „Kurort“ steht noch dran, viele Döner- und Thai-Läden erzählen etwas anderes. Der Bus-Fahrer, ein sympathisch dreinblickender Farbiger, vergisst meine Haltestelle. Erst als er aus dem Ort rausgefahren ist, hab ich mich zu ihm durchgekämpft, er hält an und lässt mich raus. Eine Viertelstunde mit Calvin durch den Wald und Nieselregen bis zum Ort. Trostlos. Die Stadtmision ein tristes Haus mit dreckigen Gardinen. Eine Mennonitengemeinde, erkennbar an einem Schild und einem langweiligen 70-er-Jahre-Bild. Bunte Plakate laden zur „Nacht der Engel“ in eine Koblenzer Discothek an, Stargast: Gulia Siegel. Das Haus des CVJM wenigstens frisch gestrichen. Gegenüber beim Bestattungsunternehmer Schmitz 16 Urnen im Schaufenster zur freien Auswahl. Ich finde die Kirche nicht, frage im leeren Eiscafé. Die Italienierin fragt nach: Ob ich „Kirsche“ wolle? „Nein, Kirche, meine ich: Wo ist die Kirche?“ Immerhin weiß die Frau, dass es zwei gibt, evangelisch und katholisch (die Mennoniten-Gemeinde gehört für sie nicht dazu).  Rund dreißig Leute hören zwei Stunden Calvin – bewundernswert konzentriert, zwei Stunden in Kirchenbänken. Am Ende bleibt das Bild des knorzigen Reformators, der auf dem Sterbebett um Nachsicht für seine Schwächen bittet. Da wächst er einem dann doch etwas ans Herz – aber leider erst am Ende seines Lebens.